Ein dunkler Stein liegt in einer Fassung aus Gold, Smaragden und Rubinen. Der Bezoar stammt aus dem dritten Viertel des 16. Jahrhunderts. Man schrieb solchen Magensteinen Schutz vor Gift und Krankheit zu. Das war eine historische Vorstellung, keine medizinische Wirkung. Gerade diese Verbindung aus Naturbeobachtung, Glauben und kostbarer Handarbeit führt in die Wiener Kunstkammer hinein.

Das Kunsthistorische Museum beschreibt seine Kunstkammer als eine Sammlung vom späten Mittelalter bis zum Barock. Heute verteilen sich rund 2.200 Objekte auf 20 thematisch gestaltete Räume. Wer die Säle als Abfolge schöner Dinge liest, sieht viel. Wer nach den Vorstellungen hinter dem Sammeln fragt, erkennt mehr: Eine Kunstkammer sollte Wissen ordnen und zugleich zeigen, wer über dieses Wissen und seine kostbaren Zeugnisse verfügte.

Ein Stein zwischen Natur und Handwerk

Ein Bezoar ist ein Magenstein, der sich im Verdauungstrakt eines Tieres bildet. In Europa galt er über Jahrhunderte als Heil- oder Schutzmittel. Die Fassung des Wiener Exemplars machte den vermeintlichen Nutzen sichtbar: Der Stein berührt Flüssigkeit, die Edelsteine und das Gold verleihen ihm den Rang eines Kunstkammerstücks. Natur und Kunsthandwerk liegen hier nicht in getrennten Vitrinen. Der Gegenstand gehört gleichzeitig zur Tierkunde, zur Heilkunde, zum Glauben und zur höfischen Schatzkunst.

Das KHM datiert das Stück in das dritte Viertel des 16. Jahrhunderts und ordnet es einer spanischen Kultur zu. Diese knappen Katalogangaben erklären nicht jede Station, die der Stein vor seiner Aufnahme in die Sammlung durchlief. Sie benennen, was dokumentiert ist, und lassen offen, was sich aus den vorhandenen Unterlagen nicht belegen lässt. Diese Trennung zwischen Objektbeschreibung und lückenloser Herkunftsgeschichte ist für die ganze Sammlung wichtig.

Eine Sammlung mit mehreren Anfängen

Die Kunstkammer geht nicht auf einen einzigen Raum und einen einzigen Sammler zurück. Margarete von Österreich machte ihre Residenz in Mechelen ab 1507 zu einem Zentrum für Künstler und Gelehrte. Ihre Bestände lagen in verschiedenen Wohnräumen und umfassten Bücher, Gemälde, wissenschaftliche Instrumente, Naturalia und kostbare Materialien. Erzherzog Ferdinand II. von Tirol baute auf Schloss Ambras eine eigene Sammlung auf. Kaiser Rudolf II. ließ in Prag mehrere Räume für Kunstkammer, Bibliothek und Gemälde einrichten. Unter Leopold Wilhelm kamen im 17. Jahrhundert weitere Bestände hinzu; 1656 brachte er seine Sammlung nach Wien.

Diese Linien berühren einander, aber sie sind nicht austauschbar. Teile gingen verloren, andere wurden verlagert, ergänzt und später neu geordnet. Im 19. Jahrhundert trennte die Einrichtung mehrerer Museen Naturgegenstände, Gemälde, Antiken und Münzen voneinander. 1891 wurden Kunstkammerbestände im neu eröffneten Kunsthistorischen Museum vereint; Objekte mit Insigniencharakter und dynastischer Erinnerung verblieben in der Schatzkammer. Wien in drei Tagen zu planen heißt deshalb auch, zwischen einem heutigen Museumsbesuch und einer vielschichtigen Sammlungsgeschichte zu unterscheiden.

Was eine Kunstkammer zeigen sollte

Die Kunstkammern der Renaissance und des Barock wollten Wissen in Dingen erfahrbar machen. Ein Mineral, ein Elfenbeinrelief, ein wissenschaftliches Instrument und ein Werk aus einer entfernten Welt konnten nebeneinanderstehen. Seltenheit und handwerkliches Können waren ebenso bedeutsam wie die Frage, was ein Objekt über Natur oder Gesellschaft zu wissen versprach. Die Sammlung war auch eine Form höfischer Selbstdarstellung: Besitz, Bildung, Frömmigkeit und politische Reichweite wurden sichtbar gemacht.

Die Forschung mahnt, solche Räume nicht als neutrale Enzyklopädien zu lesen. Deanna MacDonald zeigt am Beispiel von Margarete von Österreich, wie Objekte aus der Neuen Welt zusammen mit europäischen Stücken ein Bild habsburgischer Herrschaft entwarfen. Das ist eine Deutung ihrer Sammlung, keine pauschale Herkunftsaussage über jedes heutige Exponat. Elke Bujok beschreibt außerdem, wie außereuropäische Objekte in frühneuzeitlichen Kunstkammern zwischen europäischen Gegenständen eingeordnet wurden und wie oft die überlieferten Quellen offenlassen, auf welchen Wegen sie dorthin gelangten.

Auch der Raum bestimmte den Blick. Dániel Margócsy untersucht für frühneuzeitliche Höfe, wie große Sammlungen durch ihre Architektur erlebt wurden: Die Menge konnte einen Eindruck von Rang vermitteln, ohne dass jedes Einzelstück lange betrachtet wurde. Seine Studie behandelt verschiedene Höfe und nicht allein die heutige Wiener Präsentation. Als Vergleich hilft sie dennoch, eine Frage an die Sammlung zu richten: Was wird sichtbar, wenn Dinge zusammenkommen, und was gerät aus dem Blick?

Uhren, Automaten und geordnetes Wissen

Die sogenannte Wiener Planetenuhr ist um 1605 datiert und Jobst Bürgi zugeschrieben. Das KHM bezeichnet sie als die erste Uhr mit einer Darstellung des heliozentrischen Planetensystems. Diese präzise Formulierung ist hilfreicher als ein allgemeiner Rekordanspruch: Das Objekt zeigt, wie Astronomie, Mathematik, Uhrmacherei und höfische Förderung miteinander verbunden waren.

Ein anderer Zugang führt über den sogenannten Trompeterautomaten von Hans Schlottheim aus dem Jahr 1582. In seinem turmartigen Gehäuse liegen ein Uhrwerk und ein musikalischer Mechanismus, der die Bewegungen kleiner Trommler und Trompeter steuert. Der Automat ist eine technische Konstruktion und eine Aufführung im Kleinformat. Zusammen mit dem Bezoar verändert er die Vorstellung, was in eine Kunstkammer gehörte: nicht eine Abteilung für Kunst und eine andere für Natur, sondern Dinge, die mehrere Fragen zugleich aufwarfen.

Für den Besuch genügt ein solcher Gegensatz. Ein Naturkörper, dessen Wirkung man einst glaubte, und eine Maschine, deren Funktion sich erklären lässt, führen durch unterschiedliche Arten von Wissen. Ein Museum am Vormittag bekommt so einen klaren Anfang und eine Frage, die sich von Saal zu Saal mitnehmen lässt.

Die heutige Ausstellung ist eine Neuordnung

Die Räume, die heute zu sehen sind, sind keine unberührte Kunstkammer des 16. Jahrhunderts. Nach elfjähriger Schließung eröffnete das KHM die neu eingerichtete Dauerausstellung 2013. Das Haus spricht selbst davon, dass die frühere Vielfalt der Sammlung heute nur noch zum Teil erfahrbar ist. Die Präsentation ist eine moderne Auswahl und Interpretation: Sie verbindet Objekte, die verschiedene Sammler, Orte und Zeiten geprägt haben.

Das verändert den Rundgang. Ein Saalplan hilft bei der Orientierung, aber die Nummern erklären die Entstehungsgeschichte nicht von allein. Wer sich auf wenige Räume beschränkt, kann jeweils fragen, welchem Zusammenhang ein Gegenstand zugeordnet wird, welche Informationen sein Etikett gibt und was in dieser Ordnung fehlt. Wege und Pausen realistisch einzuschätzen gilt auch im Museum: Die Zahl der Räume ist weniger wichtig als die Aufmerksamkeit, die für einzelne Werke bleibt.

Ein Besuch mit einer Frage

Das Museum nennt für die Kunstkammer eine durchschnittliche Besuchsdauer von etwa eineinhalb Stunden. Sie ist ein Orientierungswert, keine Vorgabe. Der aktuelle Saalplan und mögliche Änderungen gehören kurz vor dem Besuch geprüft. Als eigene Route kann die Frage nach dem Verhältnis von Natur, Mechanik und Macht dienen: beim Bezoar beginnen, die Uhr und den Automaten dazunehmen und anschließend die Sammlergeschichte mitdenken.

Auch bei einem kurzen Aufenthalt hilft ein einziger Schwerpunkt für den Tag. Drei Tage mit weniger Stationen zu planen lässt Raum, den Gedanken aus der Sammlung weiterzuführen.

Wer sich danach Zeit lässt, muss den Vormittag nicht mit einem zweiten großen Termin füllen. Der erste Nachmittag gehört dem Ankommen, und ein langer Abend in der Stadt kann den Tag fortsetzen, ohne die Sammlung in eine Liste zu verwandeln.

Am Ende steht kein vollständiges Bild der Welt, sondern ein genauerer Blick auf die Menschen, die es herzustellen versuchten. Eine Vitrine zeigt, was zusammengetragen wurde. Die Geschichte der Kunstkammer beginnt mit der nächsten Frage: Wer hat entschieden, dass gerade diese Dinge nebeneinanderliegen?

Gut zu wissen

Umfang
Das KHM beschreibt die Kunstkammer als 20 thematisch gestaltete Räume mit rund 2.200 Objekten.
Zeitrahmen
Das Museum nennt im Mittel etwa 1,5 Stunden. Das ist ein Orientierungswert und keine feste Besuchsdauer.
Aktueller Rundgang
Ausgestellte Werke, Räume und Öffnungszeiten können sich ändern. Vor dem Besuch die aktuelle Übersicht des Hauses prüfen.

Quellen und Hinweise

Faktenprüfung: 24. September 2026. Veränderliche Angaben wie Öffnungszeiten, Fahrpläne und Saisonzeiten wurden zu diesem Datum geprüft und gehören vor einem Besuch erneut nachgesehen.

  1. Kunsthistorisches Museum Wien, Kunstkammer und digitale Sammlung. Sammlungsumfang, thematische Räume, Objektbeschreibungen und Entwicklung der Sammlungen. Eingesehen am 24. September 2026.
  2. Kunsthistorisches Museum Wien, Jahresbericht 2013. Wiedereröffnung nach elfjähriger Schließung und Neupräsentation der Kunstkammer. Eingesehen am 24. September 2026.
  3. Deanna MacDonald, The Sixteenth Century Journal. Margarete von Österreichs Sammlung und deren politische Deutung im Zusammenhang mit Objekten aus der Neuen Welt. Eingesehen am 24. September 2026.
  4. Elke Bujok, Journal of the History of Collections. Stellenwert außereuropäischer Objekte in frühneuzeitlichen Kunstkammern und die Grenzen der Provenienzüberlieferung. Eingesehen am 24. September 2026.
  5. Dániel Margócsy, Renaissance Quarterly. Vergleichende Forschung zu höfischer Sammlung, Raum und Darstellung von Macht. Eingesehen am 24. September 2026.

Tobias Amend

Museen und Sammlungen · Köln

Tobias Amend hat über Sammlungsgeschichte promoviert und kuratiert Ausstellungen. Ihn beschäftigt die Frage, wie viel ein Besucher an einem Vormittag tatsächlich aufnehmen kann, und er hält die ehrliche Antwort für nützlicher als jede Empfehlung, alles gesehen zu haben. Er schreibt über Räume, Übergänge und Pausen ebenso gern wie über einzelne Werke. Der Beitrag entstand für die Karteflug Redaktion. Illustration: Karteflug Redaktion.